Monat: Januar 2014

Trilogie der Einsamkeit II

Die Nacht fiel eisig rasend, von grauen Streifen zu tiefem Blau und Schwarz. Der Himmel war so gut zu sehen, im Winter, er konnte niemals anders. Wenn er nach Hause ging, wenn es dämmerte. Zwischen Häuserschluchten suchte er den Blick hinauf, an hell erleuchteten Straßenlaternen, während er seinen Atem kondensieren sah. Dann betrachtete er die Menschen, wie sie von ihren Arbeitsplätzen nach Hause eilten, darauf bedacht, möglichst wenig Zeit in der Kälte, im nassen Grau der Straßen zu verbringen, in die Bahnen, in die Taxen. Ihre Nasen, seine Nase vergraben im Schal, die Hände in den Taschen zu Fäusten geballt. Und dann immer weniger Lichter, immer weniger Laternen, je weiter er sich aus der Stadt entfernte. Langsame Schritte durch die Dunkelheit, Kristalle bildend, das Licht seines Hausflurs sprang an sobald er eintrat.
Er sah sein Spiegelbild, das sich in der Fensterscheibe vor der Dunkelheit abhob, er sah sich am Küchentisch sitzen, eine Tasse zwischen beide Hände gepresst. Eine aufgeschlagene Zeitschrift vor sich. Das letzte, was von ihr in dieser Wohnung übrig geblieben war.

Trilogie der Einsamkeit I

Das künstliche, leicht gelbliche Licht auf dem Schnee der Straßen. Mitten darin das eingeschössige Restaurant, ganz abgerundet, beinahe gleich seinem eigenen Modell. Es war ein Produkt der 70er Jahre, es verlieh ein Gefühl von Nostalgie. Und von Unwirklichkeit. Von einer Zeit, die gut gewesen sein muss, und die hier noch Bestand hatte. Ein letztes Aufblitzen, bevor sie für immer in den Fotoalben und Nachtischchen verschwand. Der skandinavische Abend war längst hereingebrochen und die skandinavische Einsamkeit bahnte sich mit ihm ihren Weg herein, über die leuchtenden Schneewehen.
Es war elf und es war leer. Doch selbst wenn einige einsame Gestalten sich hierher verirrt haben sollten, selbst wenn sie meinten, ihre Einsamkeit hier leichter ertragen zu können, waren sie schwer zu bemerken.
Ihr Blick aus dem weitläufigen Fenster ließ sie nur ihr eigenes Spiegelbild erkennen. Doch sie sahen ohnehin nichts als längst vergangene Zeiten, längst vergangene Lieben in Paris oder Mailand oder Berlin. Sie sahen Wohnungen und Flughäfen. Und sie sahen Schnee.
Er spielte für sie, für sie alle. Selbst wenn es absurd war, erschien es ihm sinnvoller als das Sitzen neben seinem schweigenden Telefon am Polarkreis. Der Tag war ein nie endender Abend, der Schnee glitzerte im künstlichen Licht der Straßenlaternen.