Monat: März 2013

You talk way too much

Gewissermaßen verloren, gewissermaßen verzweifelt in dieser Stadt, unter diesem Schneefall. Nicht zusammen, nicht zusammen gehörend. Ebenso wenig wie damals. Ziellos, doch beruhigt, für eine kurze Zeit. Denn es gab seltene Augenblicke, in denen nichts zählte, in denen sie nichts sein mussten. In denen sie sich gedankenverloren ihrer urbanen Melancholie hingeben konnten, mit großen, traurigen Augen umher blickend. Augenblicke, in denen sie selbst schließlich glauben konnten, diese Zeit wäre eine andere. Die Frage nach dem warum hier und nach dem warum jetzt hallte für Momente nicht nach in ihren Worten, sie konnten ihrem Leben nicht zustimmen, sie konnten nicht daran glauben. Doch inmitten eines andauernden, vertrauten Gefühls durch die Hölle zu gehen, gab es Augenblicke.

Und dann, dachte er, versuchen sich nicht so schrecklich ernst zu nehmen, nichts so ernst zu nehmen. Sich vergessen, wieder einmal. Plötzliches Gefühl von wirklicher Einsamkeit, Telefonieren von einem Münzapparaten, doch zu der Party gehen. Nur, um sich zu betrinken, um etwas zu verlieren.

Doch warum, dachte er, sollte etwas im Leben so einfach sein? Spätes Eintreffen, zu einem Zeitpunkt, als die Dinge anfingen zu passieren. Verlangen nach Alkohol, Verlangen nach viel mehr. Orientierungslosigkeit in einer zu kleinen Wohnung, sich gefangen fühlen, und dann doch wohl. Ein Haufen von fabelhaften Mädchen treffen, erkennen, dass das cool kid heute jemand anderes ist, wie immer. Erkennen der eigenen Unzulänglichkeit, der Hässlichkeit, Faulheit, Nutzlosigkeit. Trotzdem spielen. Trotzdem.

Er hatte sie schon einmal gesehen, sie kannte jemanden, er kannte jemanden. Doch keinerlei Hoffnungen, sich gehen lassen. Sie hatte einen anmaßenden Akzent, sie trug die Haare kurz. Doch sie schauspielerte nicht, sie rauchte in einer merkwürdigen Manier. Er suchte ihre Augen, er arbeitete hart und sagte, es wäre einfach. Sie war nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Sie fielen, nicht ganz zufällig. Er sagte das Richtige und tat das Falsche. Er versuchte es, doch es war schwer zu erklären, und er wusste, es gab keine Chance. Sie kümmerte es wenig. Sie hatte nicht das, was er wollte, doch er wollte alles und konnte sich nicht entscheiden. Er war grausam, er verletzte sich selbst, er sagte ihr die Wahrheit und glaubte, sie würde es nicht bemerken. Sie versuchte, aufzustehen. Er sagte: „Ich habe ein paar Geheimnisse, die dich hier bleiben lassen.“ Er sagte: „Du hälst mich für verrückt.“ Sie sagte nichts. Sie zog an einer der Zigaretten und sah traurig aus. Sie wusste, sie wollte ihn nicht, als sie ihn ansah, ebenso wenig wie er sich für gut genug hielt, dennoch. Dennoch küsste sie ihn. Ein Gefühl, dass er sich lange zurück wünschen würde, auch wenn es nichts zu bedeuten hatte.

Dann Vertriebenwerden aus dem Bad, das Sichtrennen, Ernüchterung im Wohnzimmer, plötzliches Verstehen der Realität. Ein elendes Gefühl für ihn, ein neutrales Gefühl für sie. Willkommenes Angebot der Freunde zu einem Whiskey, er letztlich die Flasche fast alleine leerend. Halbherzige Randale in der Wohnung, bereit, aufzubrechen.

Und er würde schreckliche Tage verbringen. Er würde lügen, um zu ihrem Appartement zu kommen, er würde vor ihrer Tür stehen, in einem grauenvollen Zustand. Er würde bei ihr herumhängen, melancholisch und betrunken, sie würden ausgehen. Ein wenig verloren und verzweifelt, den Schnee im Gesicht. Und obwohl er genau wusste, dass da nichts war, was sich entwickeln konnte, war es für ihn einfach unmöglich, nicht in ihrer Nähe zu sein. Obwohl er wusste, dass in ihrer Welt Einmaliges einmalig war, hörte er sie gerne sprechen. Und sie würde ihn vergessen, das wusste er genau. Sie würde ihn vergessen haben, in ein paar Tagen.

Am Steingeröll

Es gab nur sie da draußen. Große Felder und Seen, doch vielmehr nicht. Alles erschien ihnen möglich, in diesem Jahr, in dieser Zeit. Es war Sommer und der Himmel noch dampfend von der Hitze des vergangenen Tages, Wolken färbend, Gräser wiegend. Es roch nach etwas Verheißungsvollem, und möglicherweise würde es regnen. Es würde niemals mehr etwas zu tun geben, dachten sie, sie würden für immer nur so daliegen können, oft schweigend, dem Himmel zusehend, und alle dem. Fahrräder und blaue Knie, feuchter Boden und warme Luft. Die Zivilisation weit weg, man hörte sie dumpf herüberrauschen, hin und wieder, wie entfernte Galaxien. Doch hier gab es nichts weiter als das Zirpen der Grillen und das leise Knattern eines Mofas auf dem Feldweg, und hin und wieder das Zischen der Bierdose. All das war schon immer dagewesen, so lang sie sich erinnern konnten. Doch etwas hatte sich verändert, pulsierte unter der Erde und brachte die schwere Luft zum Erzittern. Es war, als habe ihr Horizont sich unmerklich verschoben, und alles wäre anders. Sie wussten, es wäre nicht mehr lang. Sie wussten, sie standen an der Schwelle, am Steingeröll der Welt da draußen, und sahen hinauf. Es würde passieren, ganz gleich, was das große Unbekannte sein mochte, und ihre Hände ballten sich voller Erwartung.

Scotland

Er war verwirrt. Er war komplex. Er hatte aufgehört zu hoffen, falls er es überhaupt jemals getan hatte. Und er lebte im Regen, im Nebel, und er gehörte nicht hierhin. Bleich und schmal, dünn und jungengleich, mit langem, blassem Hals und dunklen Haaren, hellen Augen. Stolz war er auf seine Ursprünge, und wehmütig. Er war sich ihrer bewusst. Sean Connery, nannten ihn manche, äußere Merkmale außer Acht lassend. Und er war ein Paradebeispiel an schwarzem Humor und Zynismus, ebenso wie an Intelligenz und Geschmack. Wenn nicht sogar spießig. Doch, nein. Auch wenn es ihm nicht bewusst war, er es nicht unbedingt wollte, trug er dies eine Bild nach außen. Es war, als gäbe es keinen harmonischeren Ort für ihn als ein halbdunkles Pub und melancholische Musik.

Und er hatte Ansprüche, große Erwartungen an Menschen, vor allem an sich selbst, was Geschmack anging. Man nannte es Kult. Unbewusst. Er war kein Snob. Er war Kind seiner Eltern, Kind seiner Zeit. Er sehnte sich nach der Einsamkeit jener Orte, nach der Abgeschiedenheit, der Feuchtigkeit in der Luft. Und nach Einfachheit. Der Regen. Regen. Und die grauen Wolken, facettenreich, vorbeiziehend. Der Rauch der Schornsteine vor der rasend fallenden Dämmerung. Und er hatte aufgehört zu hoffen, es hier zu finden. Ein äquivalentes Gefühl, einen Befriedigung dieser Sehnsucht. Unmöglich. Es war vor allem das Bewusstsein, irgendwohin zu gehören, mit Leib und Seele, ursprünglich und seit jeher.

Und er war aufmerksam, wenngleich sofort bewertend, an seinen Vorstellungen messend, unbewusst. Doch interessiert. Er liebte jegliches kulturelle Ereignis, doch vor allem war er Cineast. Große, faszinierte Kinderaugen waren zu immer noch großen, wählerischen Kennern geworden. Ein leidenschaftlicher Kritiker, kaum umzustimmen. Für ihn gab es einen zeitlosen, allgemeingültigen Wert von Geschmack. Seine wenigen Freunde hatten sich damit abgefunden, liebten vielleicht auch gerade dieses. Denn schließlich und endlich war er außerordentlich liebenswert. Leidenschaftlich gewissenhaft, von verblüffender Klarheit, so überzeugt von der Intelligenz, der Schönheit und der Kultur. Nicht zu verunsichern. Standfest und simpel in seinen Überzeugungen. Immer Worte findend. Sich in Gedanken und Sehnsucht verlierend, an einem Tag, Bilder aufsaugend am anderen. Einfach.

Und es war sein um die Häuserecken pfeifender, eisiger Seewind. Es waren seine feuchten, schwarzen Nächte. Seine halbdunkle, wohle Wärme des Hauses, des Feuers im Kamin. Seine klaren, glänzenden Holzmöbel, seine karierten Polster. Die Einfachheit, die Kälte und die Wärme. Es war Winter, als er geboren wurde, und für ihn würde es immer Winter bleiben.

Für sie und ihn gäbe es keine Notwendigkeiten. Ihr Gesicht würde zuerst blass und dann rot werden von dem eisigen Wind, ihre dunklen Haare würden Federn gleich um sie herum wirbeln. Sie würde lachen. Sie würde auf seine Bemerkungen warten, wie auf etwas Gewohntes, wie auf das einzige bekannte Gesicht auf einer Party. Es würde sie immer retten, über den Tag.